Wer, wenn nicht Marcel Reich-Ranicki, könnte uns dieselbe Prozedur liefern wie jedes Jahr und sie würde dennoch nie an Unterhaltungswert verlieren. Da wird einer 90, der mal sagte, nachdem er gefragt wurde, ob er auch ein Telefonbuch kritisieren könne, nein, das könne er nicht, es sei ja ein Buch, und er sei ja kein Buchkritiker, sondern ein Literaturkritiker.
Was umgekehrt heißt, Telefonbücher entbehren einer gewissen Literaturzugehörigkeit. So wie Haruki Murakami? Oder wie Martin Walser ("Tod eines Kritikers")? Oder wie der späte Günter Grass ("Ein weites Feld")? Alles Lieblingsfeinde von MRR. Alles Literatur im weitesten Wortsinn von MRR, Bücher im engeren.
Doch am wunderbarsten hat er uns den Spiegel bei der Fernsehpreisverleihung 2008 vorgehalten. Er könne diesen Preis nicht annehmen; denn das, was da auf der Glotze täglich geboten würde, sei unter seiner Würde. "Alles Köche!", rief der Mann. Alles Telefonbuchautoren!, ließe sich auch übersetzen. Genau so ist die Welt, eine Telefonbuchwelt. Und ohne MRR wüssten wir das nicht.
Heute mal kein Tipp im Fernsehen, sondern im Internet. Bei Arte.tv haben sie seit einiger Zeit eine Abspielplattform "plus7" für gesendete Beiträge. Vorigen Freitag Abend sendete der deutsch-französische Kultursender die Verfilmung der Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki "Mein Leben". Sein Leben tirtt in unser Leben, seit er übers Fernsehen Literatur macht.
Das klingt pathetisch; entspricht durchaus den Tatsachen. In der ARD wird der Film am Mittwoch von 20 Uhr 15 bis 21 Uhr 45 gesendet. Eine Literaturverfilmung, die kondenster, prägnanter kaum je zuvor im deutschen Fernsehen lief, mit einem Matthias Schweighöfer in Bestform und in dieser Rolle ziemlich sicher auf dem Weg zu zahlreichen Fernsehpreisen.
Der Film handelt die ersten 38 Jahre Reich-Ranickis ab; seine Kindheit mit dem Leben in der deutschen Schule, seine Jugend in Deutschland, die Jahre in Warschau, im Ghetto, seine Liebe Tosia, die seine Frau im Ghetto wird bis zur Übersiedlung in die BRD 1958. Wo er seitdem mit seiner Frau lebt, die ihm damals nachfolgte.
Bei Arte läuft das Werk von Regisseur Dror Zahavi seit Freitag in der Mediathek Arte plus 7. Und heute Abend hat es meine Zeit vertrieben; glänzend. Also ohne Anfangs- und ohne Endzeit. Allerdings begrenzt für vier Wochen. Wer also am Mittwoch die ARD-Termin verpasst, sollte ins Netz gehen. Der Abzweig lohnt.
FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher schreibt hier über den Film. Eine treffende Rezension liefert Thilo hier, die in dem Schluss mündet: "Die Abwesenheit großer Literatur und stattdessen die Anwesenheit konkreten Erlebens machen diesen Film zu mehr als nur sehenswert und wichtig. Er ist große Klasse." Dem füge ich Schweigen hinzu.
Er futtert sich durch die Schnell-Imbiss-Ketten der USA und wird dabei dicker und dicker. Und in ihm selbst schwemmt alles auf, was gegen eine gesunde Lebensweise spricht - Zucker, Cholesterin und die Trägheit. Alles wegen Cola, Burger, Pommes, Ketchup, Mayonnaise.
30 Tage dauert dieser Fress-Horror-Trip. Spurlock - gesund und munter zu Beginn - muss bereits nach zwölf Tagen erkennen, wie er zugenommen hat. Überdies stellen sich Herzrasen, Depressionen und Impotenz ein. 2005 wurde Spurlock mit einer Oscar-Nominierung für den besten Dokumantarfilm belohnt.
Sind wir nicht alle ein bisschen neurotisch? Einige von uns sind mehr: zwangsneurotisch. Seit Woody Allen seinen Stadtneurotiker durch die Welt schickte, wissen wir, wie viel von all den Neurosen da draußen in uns stecken. Also, Lust auf Flugzeugabsturz-Ängste oder den voyeristischen Blick drauf, dann gibt's hier das Richtige. Mit dem Angsthasen kehrt die Neurose zurück. Die, die wir kennen und nie sehen wollen. Abgesehen von der Sofaperpektive aus. Mit dem Film "Angsthasen" von Regisseurin Franziska Buch können wir das. Die Geschichte ist so simpel wie das Leben. Und die Lösung auch.
Adrian Zumbusch, gespielt vom großartigenEdgar Selge, hat vor allem Angst und versucht zwanghaft, jede mögliche Katastrophe zu verhindern. Von seiner Ehefrau Sylvie (Claudia Messner) lässt er sich nur deshalb nicht scheiden, weil er Angst davor hat, allein zu leben. Sein Büro ähnelt einem sicheren Käfig, und seinen Urlaub verbringt er nur im Schwarzwald, weil man dorthin nicht fliegen muss. Es gibt nichts, wovor er keine Angst hätte, und richtig wohl fühlt er sich nur in der Therapiegruppe von Dr. Elmau.
Als er erfährt, dass er unheilbar an Leukämie erkrankt ist, blüht er auf. Er fürchtet sich nun vor nichts mehr, nicht mal vor dem Tod. Er willigt in die Scheidung von seiner Frau Sylvie ein, beginnt eine neue Beziehung mit seiner Ärztin Dr. Katja Lorenz (Nina Kunzendorf), verabschiedet sich von seiner Therapiegruppe und schaut zum ersten Mal aus dem Fenster seiner neu erworbenen Dachgeschosswohnung, unternimmt eine Ballonfahrt und traut sich, seinen Mitmenschen und Vorgesetzten die Meinung zu sagen. Nur eine einzige Angst ist geblieben: Dass alles nur eine Fehldiagnose war und er kerngesund ist. Ein Unterhaltsamer Film über einen Zwangsneurotiker.
An dem Tag, an dem seine kleine Tochter Emilie (Alexandra Goncalvez) vergewaltigt und ermordet wird, bricht die Welt des Polizisten Richard Malinowski (Jean Dujardin) zusammen. Gequält von Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen kann Malinowski kaum noch schlafen oder essen. Überraschend schnell wird ein Verdächtiger gefasst. Obwohl stichhaltige Beweise fehlen, wird Daniel Eckman (Laurent Lucas) aufgrund von Indizien zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Doch auch jetzt findet Malinowski keine Ruhe. Für ihn ist der Fall mit der Urteilsverkündung noch lange nicht abgeschlossen. Einige Monate später erhält er einen Brief, in dem Eckman eindringlich seine Unschuld beteuert. Und allmählich nimmt Malinowskis perfekter Racheplan Gestalt an.
Famos besetzt mit Jean Dujardin als zweifelndem Vater und Laurent Lucas als potentiell unschuldigem Täter besticht "Counter Investigation" - so der Originaltitel - durch eine interessante, ungewöhnliche Story, die auch ohne oberflächlichen Aktionismus, Muskelspiele und Gunplay überzeugt.
Regisseur Franck Mancuso, selbst mal 20 Jahre lang Polizist, dirigiert ein originelles Psychodrama, dass niemals langweilig oder langwierig wird oder wikt und mit einer originellen Pointe endet. Klingt also irgendwie sehenswert.
Passend zur Wirtschafts-, Finanz- und Sonstwaskrise: Dodson, Mississippi, zur Zeit der Depression: Voller Angst erwartet der ganze Ort die Ankunft von Owen Legate, einem von Robert Redford gespielten Eisenbahnmanager, der die Taschen voller Kündigungsschreiben für die Bahnarbeiter hat. Alva Starr (Natalie Wood) hingegen ist die kokette Dorfschöne mit vielen Plänen, aber ohne Ziel - bis Legate an ihrer Tür erscheint. Die Affäre der beiden entrüstet Alvas kalte und gefühllose Mutter - und entfacht einen Rachefeldzug des ganzen Ortes.
Dieses Südstaaten-Drama ist die freie Adaptation eines Einakters von Tennessee Williams, der hier die wichtigsten Motive seiner Stücke variierte: Die unerfüllten Träume einer zutiefst sinnlichen Frau, die sich aus dem Mief einer Kleinstadt heraussehnt; das Scheitern am Geld und an der Gehässigkeit der eigenen Verwandten; die Ökonomie der Sehnsüchte und des sexuellen Verlangens. Francis Ford Coppola - damals noch ein weithin unbekannter Newcomer - bearbeitete diesen Stoff für die Leinwand und griff dabei die Erzählperspektive des Stückes auf. Für den im Vorjahr verstorbenen Regisseur Sydney Pollack war "Dieses Mädchen ist für alle" das Sprungbrett für seine spätere internationale Karriere mit Meisterwerken wie "Die drei Tage des Condors" und "Jenseits von Afrika".
Beinahe passend zum spannenden Reality-Thriller von Robert Saviano über die Camorra in Neapel "Gomorrha" gibt's heute auf dem Kulturkanal einen Film aus Süditalien. Michele, gespielt von Giuseppe Cristiano, entdeckt in einem Erdloch den kleinen Filippo (Mattia Di Pierro). Michele, gerade 10, will dem verwahrlosten Jungen helfen. Dabei entdeckt er natürlich, warum Filippo so leben muss, wer und was hinter den mysteriösen Umständen steckt.
Regisseur Gabriele Salvatores verlegt die Handlung ins Italien von 1978. In eine recht explosive Zeit; die Hochzeit der Roten Brigaden, der Zeit, in welcher der führende Politiker der Democracia Christiana, Aldo Moro, entführt und später ermordet worden ist.
Im Film spiegelt sich der große Konflikt im kleinen Alltag durchaus wider. Alle ducken sich, bewegen sich bedächtig unter einer unsichtbaren gewaltsamen Macht. Der Lichtblick gegen das bleiernde Gefühl ist der Michele.
Auf der Berlinale 2003 war "Ich habe keine Angst" einer der beachtetsten Streifen, wenn auch nicht prämiert. Salvatores wurde immerhin für 2004 in die internationale Jury zur Berlinale berufen. Bei den renommierten Donatello-Awards wurde der Film unter anderem mit den Preisen für die beste Regie und die beste Kamera ausgezeichnet.
Stilles wie tiefes afrikanisches Ereigniskino: Die Wüste wächst, die endlose Dürre lässt die Brunnen austrocknen. Ihrem Instinkt folgend, ziehen die meisten Bewohner eines Dorfs nach Süden. Nur Dorflehrer Rahne (Issaka Sawadogo) hält das für falsch und geht mit seiner Frau Mouna (Carole Karemera Umulinga) und seinen drei Kindern nach Osten, obwohl dort Krieg herrscht. Ihre einzigen Besitztümer sind ein paar Schafe, einige Ziegen und Chamelle, das Dromedar. Doch ihr Marsch führt sie unter brennender Sonne direkt in Feindesland.
Regisseurin Marion Hänsel fängt große Bilder von dieser zerissenen Nomaden-Gesellschaft ein. Umrahmt von der Liebe, der Hoffnung, von Verzweiflung, Flucht und der Dürre der Natur. Und einer vereinahmenden Musik René-Marc Binis.
Der Roman "Chamelle" von Marc Durin-Valois - der 2005 unter anderem mit dem "Prix des Cinq Continents de la Francophonie" ausgezeichnet worden ist - liefert die Vorlage zur Geschichte eines Exodus, einer Reise der Hoffnung und der Unausweichlichkeit. Aber der Film ist auch eine Parabel über Entschlossenheit, voller Lebensfreude, Beharrlichkeit, der Stärke und Liebe eines Vaters.
Schon als Kinder verbrachten der Italiener Enzo Molinari (Jean Reno) und der Franzose Jacques Mayol (Jean-Marc Barr) ihre Zeit am liebsten mit Tauchen vor den griechischen Inseln. Ihre Begeisterung und ihre Freundschaft riss 20 Jahre lang nicht ab. Nun ist Enzo Weltmeister im Tiefseetauchen ohne Sauerstoffgerät und Freund Jacques würde ihm den Titel gerne abjagen.
Bei den Weltmeisterschaften auf Sizilien geht es allerdings um mehr. Beide sind an der attraktiven Blondine Johanna Cross (Rosanna Arquette) interessiert und wollen ihr durch einen Sieg imponieren. Noch "gehört" die Dame Jacques, aber Enzo - von Reno als selbstbewusster 17facher italienischer Weltmeister im Tieftauchen ohne Gerät genial und humorhaft gespielt - würde das gerne schnellstmöglich ändern. Die beiden Freunde versuchen sich gegenseitig zu überbieten - und eine Tragödie scheint programmiert.
In ausschweifenden Bildern versucht Regisseur Luc Besson (Taxi, Taxi, Leon, der Profi) vor allem die Schönheit des Meers darzustellen. Das gelingt ihm! Allerdings trägt dies alleine keine zwei Stunden Film. Leider ist das Drehbuch ein wenig schlapp geraten, und auch die beiden Hauptdarsteller überzeugen nicht unbedingt. So kann "Im Rausch der Tiefe" eine Stunde lang faszinieren - danach stellt sich bei den meisten Nicht-Tauchern cineastische Atemnot ein.
Ohne eine persönliche Erfahrung hätte es den Regisseur Besson und damit diesen Film gar nicht gegeben. Denn als 17-Jähriger erlitt der extrovertierte Filmemacher einen Tauchunfall - die Eltern betrieben eine Tauschule. So wurde Besson doch nicht Meeresbiologe sondern setzte sich glücklicherweise auf den Regiestuhl.
Man kann ja Maria Furtwängler vieles vorwerfen - beispielsweise, nicht so richtig zu wissen, was sie eigentlich so sein will; Ärztin, Sopranistin oder Schauspielerin. Wohltuend darf man aber feststellen, wir wissen, was sie richtig gut kann - ihre Rolle als Kommissarin Charlotte Lindholm im Hannover-Tatort.
Sie sorgt noch dafür, dass ein phasenweise behäbiges Drehbauch einigermaßen flotte Fahrt bekommt. In ihrer neuesten Geschichte von heute Abend muss die privat solo durchs Leben gehende Ermittlerin einer Jugendfreundin nachspüren. Ganz sieht es so aus, dass jene die Mörderin eines Polizisten ist. Manu, so der Name der ihr nahestehenden Dame und gespielt von Karoline Eichhorn, macht sich verdächtig durch militante Kongolesen in ihrem Umfeld. Der Verfassungsschutz will es auch noch mit Frau Lindholm aufnehmen, nimmt die festgenommene Freundin einfach mal mit und lässt diese dann frei.
Na dann. Regisseur Dror Zahavi ("Die Luftbrücke", 2005) konstruierte einen konfliktreichen Fall mit politischem Ausmaß. Der Israeli stellt zwei starke Frauen-Charaktere nebeneinander. Konflikt inbegriffen; auch von der Story her.