Ich trage schwarz. Denn am Donnerstag wird erstmal gestorben.
Compuserve geht
vollständig vom Netz. Damit wird mein E-Mail-Kasten bei einem der einst größten Internet-Bereiter und -Dienste Deutschlands für immer geschlossen und verriegelt bleiben.
Anfang des Monats hatte Compuserve sein Sterben in einem Rundschreiben angekündigt:
Sehr geehrter CompuServe Kunde,
"Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass CompuServe die von Ihnen genutzten Internetzugangsleistungen ab dem 31. Juli 2008 nicht mehr anbieten wird. Wir kündigen den mit Ihnen bestehenden Vertrag ordentlich zum 31. Juli 2008.
Was bedeutet dies für Sie?
Nach dem 31. Juli 2008 können Sie sich nicht mehr mit Ihren CompuServe Zugangsdaten in das Internet einwählen.
Ihre eMail-Adresse und Ihre anderweitig bei CompuServe gespeicherten Informationen werden nach dem 31. Juli 2008 nicht mehr für Sie zugänglich sein. Eine Weiterleitung von Ihrer bisherigen CompuServe eMail-Adresse ist nicht möglich."
[...]
Weiter unten heißt es dann:
"Falls Sie Fragen oder Anmerkungen haben, wenden Sie sich bitte an folgende Adresse:
CompuServe
Postfach 1084
NL-6201BB Maastricht
The Netherlands
Wir danken Ihnen für die Nutzung von CompuServe.
Mit freundlichen Grüßen
Richard G. Minor
AOL Europe Services SARL"
Ein Abschiedsgruß aus Holland von einem Engländer.
Bereits jetzt ist die deutsche Seite von Compuserve - compuserve.de - nicht mehr erreichbar. Man wird auf eine Schweizer Suchmaschine, die rein gar nichts mehr mit dem einstigen Compuserve gemein hat, umgeleitet. Leer und verlassen wirkt das ganze. Der Abschied klingt nüchtern; ohne Worte. Ist so das Netz? Wortlos? Schon die Bemerkungen, was ich nach dem 31. Juli 2008 nicht mehr kann: ins Internet einwählen über Compuserve, alle Informationen seien dann nicht mehr verfügbar. Es hört sich an, als würde Captain Kirk der Enterprice mit Warb 10 ins Never-Come-Back-Nirvana den letzten Schub verpassen wollen.
Compuserve und nicht AOL oder die Telekom war mein Einstiegstor in den 90er Jahren ins Internet. Es ging simpel; mein Einwahlprogramm lief zuverlässig, und die Startseite von Compuserve erklärte sich von selbst. Der größte Vorteil von Compuserve neben seinem großen Newsgroup-Datensätzen bestand darin, dass ich kaum Werbe-Müll erhielt; eigentlich so gut wie gar keinen, wenn man vier bis fünf pro Jahr als nicht existent ansieht. Angesichts der Spam-Flut bei anderen Providern ein Paradies im Internet eine Oase. Jetzt wird sie trocken gelegt. Das ist schade, sehr schade. Zwar hatte ich längst durch DSL und Flatrate einen anderen Einwahl-Provider; doch Compuserve blieb mein treuer, vertrauer Briefträger.
Denn Compuserve basierte auf dem simplen Prinzip, den Schlüssel fürs Internet auf die Theke zu legen; so wie ein vertrauter, zuverlässiger Portier, wie eine gute Seele, die einem das Leben erleichtert. Compuserve ist vielleicht auch deshalb gefressen worden; weil sie die gute Seele verkörperten. Ganz sicher sogar. Erst bemächtigte sich AOL des Internet-Provider-Pioniers, dann wurde AOL vom Hanseaten Alice verschlungen. Nur war da Compuserve bereits verdaut und waberte nur noch ein bisschen als kleiner Bit-Rülpser durchs Netz. Doch es lebte. Und das ganz unauffällig und angenehm als uneitler Maildienst.
Jetzt stirbt Compuserve ganz unauffällig. Das merkt nur der, der ständig noch Mails über den digitalen Briefchendienst erhalten hat. Ich habe und muss jetzt alles wichtige dieses Eingangs speichern, andere Mailadressen an die mir wichtigen Verteiler senden. Ich räume auf wie bei einem Umzug. So stelle ich mir das vor, wenn man einen Haushalt auflöst, weil jemand gestorben ist. Jetzt werden die Bibelfesten auf Hochtouren tönen: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne.
Ich glaube in dieser reichlich überhitzten Internet-Welt gibt es keinen Anfang und kein Ende; sondern nur noch ein Mitmachen und Durchhalten oder Abschalten, was beinahe unmöglich scheint, denn dann ist man so tot wie jetzt Compuserve. Es wird kein Web 3.0 geben, weil das keinen Sinn ergäbe. Zurück zu den Ursprüngen hätte auch keinen Sinn, dafür ist zu viel passiert.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass Compuserve so lange weiter existiert hat, seit sie eigentlich von AOL in den Archiv-Keller verbannt wurden; beinahe unbemerkt von der Masse. Schade! Donnerstag geht mein erster Provider für immer. Schade! Wirklich schade! Hier hat etwas für mich Sinnvolles existiert. Ich bin vielleicht auch zu altmodisch; doch liebgewonnene Dinge lasse ich nur schwer gehen.
Hier gibts einige Abschiedsgrüße auf heise.de.
Da steht dann ein paar Mal das, was ich meine, wenn ich hier ein bisschen vor mich hin trauere.