Das war ja wohl ein Tor; aber wir wissen auch, dass nur dann ein Tor zählt, wenn der Schiedsrichter pfeift und zur Mitte zeigt. Der Schiedsrichter in der letzten Vorrunden-Partie bei der Europameisterschaft zwischen England und der Ukraine in Donezk hat entweder seine Pfeife verloren, keine Luft mehr gehabt und eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm. Nach Lage der Fakten, die auch den Schiedsrichtern vorlagen, war es aber ein Tor; der Ausgleichstreffer in dieser Begegnung.
Nun ist es ja so, Schiedsrichter sind Menschen, und Menschen begehen Fehler. Schiedsrichter Viktor Kassai aus Ungarn hat einen Fehler begangen; allerdings einen schwerwiegenden. Zwar hätte der Ausgleichstreffer die Ukrainer noch nicht in das Viertelfinale gebracht. Aber wir alle wissen auch, ein 1:1 zu diesem Zeitpunkt in der 62. Minute verändert die Großwetterlage über der Partie. In noch 30 Minuten Spielzeit kann viel passieren. Das Gleichgewicht wäre in den Köpfen der Spieler ein anderes gewesen. Die einen sähen sich dem Ziel auf einmal ganz nah. Die anderen bekämen auf einem schwere Trikots, um es mal mit Mehmet Scholl zu sagen.
Schiedsrichter Kassa spricht neben deutsch auch englisch. So viel Polyglotterie wäre gar nicht nötig gewesen. Denn ihm assistierten - abgesehen vom vierten Offiziellen an der Seitenlinie - vier weitere Ungarn mit Gabor Erös, György Ring, István Vad und Tamás Bognar. So viel Heimat sollte helfen, möchte man meinen. Im konkreten Spiel mit einem Tor, das reziprok an das Wembley-Tor von 1966 erinnert, galt das nicht. Der @ruhrpoet kommentierte die Torentscheidung auf Twitter folgendermaßen: "Torrichter. Der moderne Vollpfosten." Hier war der bemitleidenswerte Vollpfosten zirka acht Meter vom Ball entfernt, als er die Linie überschritten hatte.
Vier Ungarn verhindern den Treffer, den sie eigentlich hätten sehen müssen. Nur hat die Uefa ein Brett vor dem Kopf. Wie bitte soll ein Mensch auf Tor entscheiden können, wenn ihm der Pfosten direkt vor der Nase steht? Unmöglich. Man muss versetzt auf die Torlinie schauen, dann hat man einen freien Blick, trotz des anderen Blickwinkels auf die Linie. Der Pfosten verhindert nunmal wie im richtigen Spiel das Tor oder eine torrichtige Entscheidung.
Diese Tor-Szene zeigt, man könnte elf Schiedsrichter aufstellen. Solange es keinen Videobeweis wie in anderen Spielarten gibt - etwa beim Eishockey - wird es immer wieder solche Szenen geben. Das ist nicht bitter, das ist dumm.
Deutlicher kann ein Tor nicht sein: