Das musste ja irgendeinen Sinn haben: Ursula von der Leyen, familiäre Familienministerin, hatte sich unter eine Horde Kanninchen begeben, die FAZ in der Hand. Man posierte also für die bekannte Anzeigenkampagne der Frankfurter Allgemeinen. Mal wieder.
Der Grund der Kampagne gelangte gestern zur Marktreife und zum Leser - die neue FAZ. Eine Revolution unter den Zeitungsleuten wird sie kaum ausgelöst haben, die konservativste unter den Gazetten. Eine Revolution unter allen FAZ' dieser Welt schon.
Gleich doppelt revolutionär erlauben sich die fünf Herausgeber, denen kein Chefredakteur, sondern ein Ressortleiterkollegium unterstellt sind, eine handfeste Skandal-Seite-1. Ein Foto, und dann auch noch in Farbe. Dabei sollte die Farbe stets aus den Texten quillen, jedoch nie visualisiert dem Leser auf den Schoß gekippt werden. Jetzt taten sie's also.
Desweiteren haben die Macher um den eloquenten Feuilleton-Boss Frank Schirrmacher ihre Fraktur-Schrift in den Kommentaren auf Seite 1 und im Wirtschaftsteil der Geschichte übergeben und durch, wie ein Leitfaden-Leitartikel auf Seite 1 erklärt, die 1923 für die britische Tageszeitung "Times" erfundene Schriftart gleichen Namens ersetzt. Es wurde offenbar Zeit.
Um dann gleich die erste Antwort auf reichlich zu erwartenden Gegenwind ob dieser wahrhaft markerschütternden FAZ-Revolution zu geben, schrieben sie in die Überschrift ihres Erklärstücks dann auch "Wir bleiben uns treu". Sie werben um Toleranz. Keine Erläuterung ist auch eine, wird einer der verknöchert-verkalten FAZ-Denker gedacht haben. Leichtigkeit soll die weisere FAZ verkörpern; Leichtsinn könnte daraus werden. Jedenfalls erweckt der Leitartikler den Eindruck im
FAZ-Internet-Video, in welchem man den Leitartikel nochmals den Autor aufsagen lässt.
Die Leser sollen es jedoch so gewollt haben, wird ausgeführt, das hätten Umfragen ergeben. Nun ja. Haben Leser wirklich Einfluss auf das Blattmachen? Das darf ganz besonders für die FAZ in Zweifel gezogen werden. Hier gelten alte Gesetze. Solche, Fotos auf Seite 1 in herzlicher Ablehnung gegenüberstehen.
Mit dem Foto und der Farbe dürfte sich jedoch der stets als querdenkend geltende Schirrmacher durchgesetzt haben. Zumindest seine seit Jahren gepflegte und parktizierte Antipathie und Abgrenzung zu den anderen Besitzstandswahrern im Herausgeberkollegium.
Nun hat jedoch tatsächlich der Leitartikler vergessen, dass die FAZ mit ihrer gestrigen Ausgabe nicht das erste Mal mit einem Foto auf Seite 1 erschien. 33-mal ist das bislang in der FAZ-Geschichte passiert. So rang man sich am 11. September 2001 im Angesicht der Anschläge in New York und Washington zu dieser für die FAZ Wende zum visuell veranlagten Blattmachen hin. Bilder, das wurde ihnen damals so klar wie nie zuvor, sind auch Nachrichten. Und was für welche. Ihre Ausgabe für den 12. September 2001 trug bis heute als einzige Ausnahme dieser Logik Rechnung. Ein Hinweis auf die damalige Entscheidung vor sechs Jahren hätte den Erklärtext mit der eigenen Geschichte nachhaltig konfrontiert und nicht einfach so verschwiegen.
Nun hielt das geschichtsträchtige wie bizarre Treffen der beiden koreanischen Staatschefs für das erste Farbfoto der FAZ her und dafür, dass eine neue Ära bei den Frankfurtern beginnt. Dabei hatte das Bild nicht einmal einen Nachrichtenwert, denn bereits vor sieben Jahren fand ein derartiges Gipfeltreffen statt. Geändert hatte es kaum etwas; anders als der Mauerfall 1989 es tat, anders als der 11. September 2001 es tat, anders als die FAZ von nun an.
Ihr ziviler Ungehorsam gegen den guten Geschmack scheint nun in der bedeutungsfreien Beliebigkeit der deutschen Presse unterzugehen. Das ist die Tragik der FAZ. Niemand wird mehr darüber reden, dass sie kein Bild auf Seite 1 dulden, dass sie die verkommen altertümliche Überschriftentype Fraktur benutzen. Dennoch: Aufsehen, das wissen sie, erzeugen sie damit - für einen Tag. Einstiger Unmut über unmögliche Optiken wird ihnen nun dauerhaft nicht mehr zuteil. Und das ist schade. Ähnlich schade wie der Versuch des Frankfurter Konkurrenten Rundschau, mit einem
Internetblog die eigene Zeitung aufzuwerten.