Mauer! Fall! Vor 20 Jahren halb so alt, halb so klug, halb so erfahren, halb so aufgeklärt wie heute war es ein Feiertag für mich, den geborenen Berlin-Friedrichshainer.
Szene der Pressekonferenz am 9. November 1989.
Quelle: Der Tagesspiegel, 8. November 2009/Repro: cujau.de
Erlebt habe ich den Mauerfall nicht m 9. November; ich war zu müde an diesem Tag. Erschöpft hatte ich zwar die Pressekonferenz von SED-Propaganda-Mann Günter Schabowski im DDR-Fernsehen verfolgt. Aus Schabowskis Bemerkungen von wegen "unverzüglich", "ohne Angaben von Gründen", "Genehmigungen würden umgehend erteilt" den Mauerfall abzuleiten, wäre für mich konditionierten DDR-Betäubten zu verwegen gewesen. Zumal Schabowski davon sprach, dass man den Passus für eine "ständige Ausreise" aus dem noch zu verabschiedenden neuen Reisegesetz an diesem Abend "herausgelöst" habe. Im Grunde lautete ja Schabowkis Formel: Wer jetzt für immer ausreisen wolle, brauche dafür nicht mehr irgendwelche Botschaften in Prag oder Warschau zu belagern, sondern könne direkt von Ost nach West gehen. Von Ost- nach Westberlin, soweit reichte mein verklemmter Kopf nicht mehr. Denn: Für immer gehen wollte ich nicht. Ich hatte nichts; nur keinen Plan. Also ging ich nach der Pressekonferenz schlafen; abends kurz nach 7. Die Tagesschau habe ich schon nicht mehr gesehen, mal abgesehen vom Heute-Journal oder den Tagesthemen. Erst am nächsten Morgen wachte ich auf; am Morgen nach der Weltgeschichte mitten in Berlin.
Dass die Weltgeschichte danach neu geschrieben wurde, bekam ich erst durch die Radio-Nachrichten mit. Jahre später sah ich eine TV-Doku jenes Abends, und ein Mann sprach in ein Mikrofon am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin: "Wer jetzt schläft ist tot." Ich schlief. Ich war tot. Gestorben am 9. November 1989.
Nur: Wer hat die Mauer zu Fall gebracht? Die Menschen in der DDR? Günter Schabowski? Jornalisten, die auf der legendären wie langweilig dahintröpfelnden Pressekonferenz nachgefragt haben, wie der Italiener Riccardo Ehrman oder der damalige Bild-Journalist Peter Brinkmann, den Thilo Baum zu jenem Pressekonferenz-Tag jetzt interviewt hat? Oder der mediale Druck auf die DDR-Schlagbäume? Haben die Medien die Mauer geöffnet? Nichts scheint ausgeschlossen. Eines sagte Brinkmann aber im Interview mit Thilo Baum, dass sie etwas geahnt hätten bei der Bild, beim Springerverlag. Denn es hatte in jenen Tagen geschäftige Geheimdiplomatie zwischen Ost- und Westberliner Stellen gegeben hat.
Man überschlägt sich in diesen Tagen des 20-jährigen Mauerfalls mit einer Retrospektive auf die DDR. Retrospektive ist ein Rückblick. Und so blicken sie auf eine DDR zurück; auf eine damals aber untergehende. Vor 20 Jahren war es bereits eine Retrospektive - ein Rückblick - auf die DDR, auf das Scheitern des real existierenden deutschen Sozialismus. Die Menschen wollten damals nur noch raus aus diesem Rückblick. Sie wollten nach vorn schauen; nach vorn flüchten.
Die DDR ist im November 1989 am Ende. Und das ist auch gut so. Hinter ihr lagen die größten Flüchtlingswellen seit den 50er Jahren über Ungarn und Tschechien in den 89er Sommermonaten. Und der Mauerfall war ein Symbol für dieses Rückenkehren zu einem ungeliebten Land.
Der Mauerfall ist zuallervorderst die Abkehr von der DDR. Raus hier, weg hier von den Technokraten der SED-Apparte. Der Mauerfall war kein Aufruf zum Durchhalten, kein wehmütiger Gedanke an die gute alte Idee eines Sozialismus, keine Rehabilitation für die Mauerschützen. Der Mauerfall war ein Prozess. Wann er anfing, ist so strittig wie vielschichtig; vielleicht 1980 auf der Danziger Werft oder 1978, als Karol Wojtila zu Papst Johannes Paul II. wurde.
Eines war der Mauerfall hingegen ganz sicher: der Fall der DDR. Und keine Erfindung einer neuen DDR. Diese Idee starb vor 20 Jahren. Ein schöner Tod.
Und ich: Als braver Mensch ging am 10. November arbeiten; und meinen ersten Westberlinschritt tat ich an dem folgenden Sonnabend, den 11.11. Helau!