9/11 - nine-eleven ein Datum? Ein Schrei; ein unumkehrbarer Gedanke; ein unwiderruflicher Augenblick. Ein Datum? Kein Datum.
9/11 ist sechs Jahre her und wie ein allgegenwärtiger Begleiter geworden. Kein Datum. Eine Sekunde der Ewigkeit. Vor sechs Jahren starb der Lauf der Zeit. Der alten Zeit. Es begann eine neue; die Zeit nach 9/11.
9/11 ist wie vor sechs Jahren - heute am 11. September 2007 - ein Dienstag; der Dienstag nach den US Open im New Yorker Tennisstadion Flushing Meadows. Erstmals wieder seit 9/11. Ich erinnere mich deshalb so gut daran, weil damals ein befreundeter Kollege aus New York für die Deutsche Presseagentur von dem Tennis-Grand-Slam-Turnier berichtet hatte. Damals kam er noch raus aus New York; am 8/11.
9/11 ist längst ein Symbol für die Schwindligkeit von uns allen geworden. Was würden wir tun ohne diesen Tag? Uns womöglich dieselbe Frage unter anderen Umständen stellen. 9/11 durchdringt unseren Alltag; am Flughafen, in der Meldestelle, im Straßenverkehr genauso wie beim Frühstück. Viele aktuellen Meldungen haben einen direkten Bezug zu 9/11. Nicht der Tag der Mondlandung, nicht der des Buchdrucks, nicht der des Endes des 2. Weltkrieges, nicht der des Kennedy-Attentats, nicht der des Mauerfalls - 11/9 - der Spiegelung von 9/11.
9/11 ist ein Wort-Spielzeug in der Politik geworden; so wie Holocaust, so wie Mauerbau, so wie Srebrenica. Ein Datum? Ein Argument politischer Interessen; ein Totschlagargument - eines, mit der Macht von über 2900 Opfern an diesem Tag und mehrer zehntausend Toter hernach im Rücken. Während Kennedy erschossen worden ist, ist mit 9/11 ein Tag gelöscht und gleichzeitig zu einer ewigen, moralischen Instanz erhoben worden.
9/11 ist kein Datum, es ist ein Missbrauch an der Geschichte, weil sie sich nicht ändern lässt und sie sich deshalb nicht gegen ihre Einvernahme wehren kann.
9/11 habe ich zu Hause verbracht. Ein wunderbarer Tag; nicht nur in New York, wo es damals ein strahlender Spätsommertag war. Auch in Berlin schien die Sonne. Drei Monate zuvor hatte ich ein Stipendium in den USA absolviert; in New York, in San Francisco, in San Antonio, in Milwaukee. Am 11. September 2001 schickte ich den Bericht an die Stiftung, dem American Council on Germany, nach New York ab. Als ich von der Post nach Hause kam und den Fernseher einschaltete, lief erst eine Gerichtssendung kurz nach drei, dann wurde das Programm unterbrochen, und die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers fielen in mein Wohnzimmer; ausgerechnet an dem Tag, an welchem ich meinen New York-Bericht abschickte.
9/11 ist diese persönliche Erinnerung. Kein Datum. Genau drei Monate zuvor - am 11. Juni 2001 - stand ich auf dem Südturm des World Trade Centers. Ich stand ganz oben und später ganz unten zwischen den Türmen und schaute rauf. Drei Monate danach fielen sie zusammen. Ein stummes Gefühl.
9/11 - Ich schreibe das gerade alles während meines Urlaubes in Asturien, im Norden Spaniens; einer beeindruckenden Bergwelt. Die Spanier hatten ihr 9/11 vor dreieinhalb Jahren am 3/11 in Madrid; drei Bomben in Vorortzügen kosteten 200 Menschen das Leben. Damals war ich in Spanien gerade unterwegs von Andalusien mit dem Auto zurück nach Hause über den Madrider Autobahnring; Stunden nach den Bomben. Ein wunderschöner Tag ohne Wolken am Himmel; wie der 11. September 2001; wie der 11. September 2007 hier in Spanien, in Asturien, dieser vereinnahmenden Bergwelt.