Noch immer suchen die Zeitungsverlage nach Wegen, wie sie den Schwindsucht bei den Auflagen abfangen wollen. Gleichzeitig gelingt es immer noch nicht, die Oline-Ausgaben mit den Druckprodukten sinnreich zu verknüpfen.
Also bedienen sie sich einer Krücke; wie der Tagesspiegel das jüngst ausprobiert. Ein Zeitungsinterview geht im Internet weiter. Da führen sie also ein Gespräch mit dem altgedienten Mittelfeld-Mann von Hertha BSC, Pal Dardai, einem Ungarn. Fein. Dardai hat viel zu erzählen; er war dabei als die Mannschaft 1997 aus der ewigen Zweitliga-Klassigkeit in den 1. Bundesliga aufgestiegen ist; er war dabei, als die Mannschaft schon zwei Jahre später in der Chamions League sogar die 2. Gruppenphase erreicht hatte - gegen Mannschaften wie den Londoner FC Chelsea, den AC Mailand oder Galatasaray Istanbul. Dardai hat viel zu erzählen; und das tut er erfrischend offen, erfrischend unterhaltsam eben.
Und der Tagesspiegel findet das auch und druckt das Interview in der Donnerstag-Ausgabe - an jenem Tag, an welchem die Berliner in die aktuelle Runde des UEFA-Pokals gegen Benfica Lissabon einsteigen. Dardai plaudert über sich, über die Zeit vor zehn Jahren, über die Champions League, über Ansprüche der Mannschaft und der Stadt und über Rotwein.
Und dann kommt der neue Marketingsatz unter dem gedruckten Interview: "..... Ausführlichere Version: tagesspiegel.de/hertha. Interview Part 2? Interview 2.0? Interview reloaded?
Ah. Es gibt noch mehr zu erzählen, was auf die Zeitungsseite nicht gepasst hatte. Man führt den Leser ins Netz. Ein raffinierter Schachzug, um den Leser als Klicker zu gewinnen. Zwar wird in der Internet-Ausgabe des Interviews ein wenig mehr geschwafelt, mehr Substanz ist nicht vorhanden. Doch der Gag allein gelingt. Man springt ins Internet undliest noch ein bisschen mehr; mehr Fragen, mehr Antwortsätze als unter den gedruckten Fragen. Allerdings fehlt der Grund, denn mehr Information steckt dann doch nicht in der Online-Ausgabe. Nur: Sie haben es versucht und verbinden beides miteinander. Ob davon beides profitiert, sei mal dahingestellt. Ich denke eher nicht.
Denn diesen Sprung hätten sie längst vollziehen können. Bei den Unmengen an mehr Informationen ist im Netz immer mehr Platz als auf einer Zeitungsseite. Das Fernsehen hat es auch schon vorgeführt mit dem berühmten Spruch am Ende eines Beitrages: "Mehr Informationen dazu finden Sie bei uns auf der Internetseite ..."
Hier geht's zum Netz-Interview mit Pal Dardai. Das gedruckte gibt's nur noch beim Altpapier-Händler.