Was für ein Tag! Der 20. August. Heute haben wir die 3000-Kilometer-Marke unserer Rundreise überschritten, an einem Tag, dessen Datum man erstmal lesen muss: 20-08-2008. 20082008. Da könnte vielleicht etwas Besonderes her. Vielleicht das hier: Eine Geschichte zu 20082008. Sie passierte vor einigen Tagen; genau vor vier. Zwischen dem Gletscher-Nationalpark und Revelstoke, wo wir seit gestern residieren, regnete es ohne Unterlass. Nur sporadisch gab der Himmel die Sonne frei; der Rest war strippenhaft endloser Regen. Das passiert hier an drei von fünf Tagen. Welch ein Glück. Regen 20082008. Zeit zum Nichtstun. Oder zum Erzählen; wie dem Folgenden. Es geschah zwischen Jasper und Banff im Jasper Nationalpark von Kanadas Provinz Alberta auf dem : das
Columbia Icefield, garantiert bärenfrei.
Schon mal in der Eiszeit gewesen? Ich nicht; bis jetzt. Ich war on the rocks in den Rockys. Wer auf dem Icefield Parkway zwischen Jasper und Banff unterwegs ist, sollte einen Blick riskieren auf diese größte Inlandeisscholle außerhalb des Polarkreises, diesen imposanten Eiszeit-Zeugen, solange es ihn noch gibt. Denn er wird unaufhaltsam kleiner. Wenn die Eiszeit nicht mehr kommt, muss man zu ihr gehen. So nahe ist man der Urzeit des Lebens nru selten. Was man vom dem gesamten Eisfeld zu sehen gbekommt, ist die Zunge des Athabasca-Gletscher. Man kann gut erkennen, wie viel von ihm seit über 150 Jahren noch übrig ist. Gut 60 Prozent sind weg.
Um dorthin hinaus zu gelangen, wird derzeit ein Obolus von 38 kanadischen Dollar (23,75 Euro) verlangt. Preiswert ist das nicht; angemessen schon. Denn damit versucht die Nationalpark-Behörde so viel wie möglich zum Erhalt der einzigartigen Gletscherlandschaft zu tun. Dennoch darf man sicher zwiegespalten sein, einerseits, weil man ja selbst zum Abtragen des Eises als einer von Millionen Touristen beiträgt, anderseits, weil das Geld durchaus seinen Zweck erfüllt. Nun ja. Entgehen lassen, war dann doch keine Option; also rauf auf den Athabasca-Gletscher des Columbia-Eisfelds.
Unsere Busfahrer waren Andy; ein junger Spaßvogel aus der Gegend; und Ron Savoie; das Gegenteil von Andy - ein alter Haudegen des Gletschers. Sein Humor ist sicher immer der gleiche; aber für alle immer wieder neu. Und so verriet Ron erstmal, dass er seine Fahrerlaubnis verloren hatte und jetzt nur noch auf dem Icefield fahren darf. Anderenfalls hätte er nur noch in der Küche stehen dürfen. Das wollte er dann doch nicht. Ron, der die riesigen, truckhaften Busse fährt, erzählt so gut wie alles über das Eisfeld, die Gletscher und ihren Rückgang, der wegen der Treibhausgase in den vergangenen acht Jahren besonders rasant fortgeschritten sein soll. Ron hat dafür eine Karte herumgereicht - mit einem Vorher-Nachher-Bildchen.
Ron erzählt auch viel über sein Arbeitsgerät; diesen Monsterbus, der Räder vom Stückpreis von 5000 Kanada-Dollar hat, dass eine Firma in Calgary die Gefährte produziert. Nach einer halben Stunde auf dem Eisfeld fahren wir zurück; bei Vollgas und sechstem Gang erreicht der Monster-Bus zwölf Stundenkilometer. Ron hat dafür extra sein Basecap um 180 Grad gedreht. Jetzt wird's rasant, sollte das heißen. Ronhat seinen Spaß mit der herzerfrischenden Selbst-Ironie.
Ich habe nur einen Dollar Kleingeld bei mir, gebe es Ron mit der Bemerkung, dass ich nur dieses "arme Kleingeld" als Tip für ihn habe. Er sagt, er wisse das sehr zu schätzen, "really". Andy, der den Zubringer-Bus zu der Abfahrtstation mit den Monster-Bussen fährt, berichtet später über eine kleine Holzhütte auf einer kleinen Wiese nahe des Gletschers, in welcher Ron wohne und er nächstes Jahr auch ein Fenster eingebaut bekäme. Ich sage Andy beim Aussteigen, dass ich nun wisse, wofür ich Ron das Trinkgeld gegeben habe, "als Starthilfe für das Fenster". Und ich gebe Andy einen Dollar für sein - "so hoffentlich" sage ich ihm - Feierabend-Bier. Schon Spaßvögel, diese Kanadier, diese
4,2 32 Millionen im zweitgrößten Land der Erde nach Russland.
Warum sie so drauf sind, hat uns gestern Frank, unser derzeitiger Gastgeber in
Revelstoke, begründet. "Wir sind anders als die US-Amerikaner. Wir Kanadier wollen nicht die Welt regieren", klingt so plausibel wie einfach.