Wer Nordamerika bereist hat, der weiß, die haben da ein gestörtes Verhältnis zu gutem Brot, zu gutem Kaffee - also zu den wichtigsten Frühstücksgrundnahrungsmitteln. Da ist Kanada so US-amerikanisch wie die USA selbst. Eine Insel gegen diese Ernährungsdefizite sind die deutschen Bäckereien. Eine davon gibt es in
Lillooet, einem 4000-Einwohner-Kaff in Britisch Columbia nördlich von Whistler am Highway 99, durch das sich der Goldrausch zu den besten Gräberzeiten des vorvergangenen Jahrhunderts wälzte.
1986 kamen Elke und Axel Stermann hierher. Die Stermanns nahmen sich ein Holzhäuschen an der Hauptgeschäftsstraße in Lillooet und bauten ihre Bäckerei dort hinein. Seitdem gibt es da Schwarzbrot, Apfelstrudel, Zimtschnecken, Semmelbrötchen. All das Zeugs eben, das man in einer deutschen Bäckerei um die Ecke erwartet. Und hinter ihrem Tresen ist auch gleich zu lesen, weshalb sie da sind: "Wir sind hier, weil wir wollen, dass Sie immer gutes Brot und gute Brötchen haben." So einfach können die kleinen Wahrheiten sein.
Den Tipp für diese Bäckerei gab Anneke van Vugt, bei man in Errington auf Vancouver Island in ihrem
Cedar Song Bed & Breakfast wohlbehütet untergebracht und herzlich von der Niederländerin versorgt wird. Jedes Frühstück dort ist ein Ereignis; jeden Tag ein neues. Und sie selbst ist ein außergewöhnlicher Mensch.
Vor 18 Jahren kam sie mit ihrem Mann Ton nach Kanada. Ton baute in Errington für die beiden ein erstes Häuschen; alles mit eigenen Händen;
1990 mitten im Nirgendwo auf Vancouver Island. Bis dahin hatte Anneke als Zahntechnikerin, als Computerverkaufsfrau für IBM in Deutschland ("Ich hatte überhaupt keine Ahnung von Computern. Doch die brauchten jemanden, der den Kunden in den Geschäften die Dinger einfach erklären konnte. Ich konnte das.") und danach als Reiseleiterin gearbeitet. Als Ton vor sechs Jahren in einer Routine-Operation mehrere Schlaganfälle erlitt und Dank Annekes Beharrlichkeit lebt und ein wunderbarer und herzlicher Gesprächspartner ist, änderte sich ihr Leben von Grund auf. "Ich will trotzdem keinen Tag seitdem vermissen", sagt sie frohgelaunt. Genauso wenig, wie sie wieder nach Europa, in die Niederlande zurück möchte. "Da sind mir zu viele Menschen, es ist zu hektisch, zu laut." Sehnsucht spürt sie nur noch nach Kanada.
Jetzt hat sie das zweite Jahr ihr eigenes, kleines Refugium für Touristen geöffnet. Und ihre allgegenwärtige ansteckende Lebensfreude schaut aus jedem Detail ihres Anwesens; gleich ob im Essen oder in den Zimmern ihres mittlerweile zweiten Hauses auf ihrem Grund. Nebenbei betreibt sie noch einen kleinen
Reisedienst für Touren durch Kanada oder auf Kreuzfahrtschiffen. Anneke ist mit ihrem Ton ("Er ist mein Held") und ihrer betagten Hündin Katja eine Rose auf Vancouver Island und viele Tulpen zugleich.