Ein Spiel um Platz 3 bei einer Fußball-Europameisterschaft? Gab es doch nicht! Gab's doch! Denn die "Berliner Zeitung" berichtete darüber. Also muss es wahr sein. Oder doch nicht?! Davon, dass die Halbfinal-Unterlegenen der EM 008 in der Schweiz und Österreich, die Türkei und Russland, um die Bronzemedaille spielten, war die Rede: "
Das türkische Wunder von Bern".
Dem Bericht, der in der Montagausgabe am 30. Juni 2008 erschienen war, zufolge bezwangen die Türken im so genannten "Kleinen Finale" das Team von Russlands holländischem Trainer Guus Hiddink 3:2. Alles wie immer: Mannschaftsaufstellungen, Torfolge. Mit dem Deutschen Herbert Fandel hatte es einen realen Schiedsrichter des EM-Turniers gegeben; und natürlich war die Begegnung in Basel ausverkauft gewesen - 30777 Zuschauer. Auch
ZDF-Mann Bela Rethy bekam seine Rolle - als Faktenmaschine im Fernseh-Kommentar.
Natürlich lagen die Türken erstmal 0:2 hinten, ehe sie die Partie drehten; wie gegen Tschechien in der Vorrunde. Es musste also wahr sein, weil es überdies offenbar auch ein Foto gegeben hatte, auf welchem Türkeis Hamit Altintop dem Russen Sergej Semak mit gestrecktem Bein in die Parade fährt - fotomontiert . Und alles stand ja in der Zeitung.
So weit dieser recht hübsche Bericht einer - fiktiven Geschichte. Denn seit 1980 gibt es nunmal keine Spiele mehr um Paltz 3 bei einer Fußball-EM. Seitdem sind die Halbfinalunterlgenen auch EM-Dritte; wie im Boxen, wo seit jeher die Halbfinal-Pechvögel Bronze bekommen. Doch der Bericht in der "Berliner Zeitung" war zu viel für die Lesergemüter. Es gab einen Sturm der Entrüstung; wüsste denn die Redaktion nicht, dass es kein Spiel um Platz 3 gab. Und wenn doch, warum hatte niemand Beschied gesagt und nur im Nachhinein berichtet? Ja. Mal zurückgefragt: Warum wird dann so einem Bericht so viel Bedeutung beigemessen statt herzhaft darüber gelacht? Richtig: Weil der Mensch keine Ironie verträgt. Schon der Autorenname ist eine Erfindung: Mucki Scheiwe.
Der letzte echte EM-Dritte war die Tschechei 1980. In jenem Spiel damals in Italien bezwang die CSSR-Mannschaft die des Gastgebers im Elfmeterschießen. Zuvor hatte es einen lustlosen Kick gegeben. Die Italiener waren sturzbeleidigt, nicht im Finale zu stehen. Um ein derartiges Theater künftig zu vermeiden, schaffte die UEFA die Partie um Platz 3 ab. Nie wieder lustloser Fußball. hieß der Plan. Nur wusste die UEFA offenbar nicht, dass es dazu keineswegs nur EM-Spiele um Platz 3 geben musste.
Gestern nun entschuldigte sich wegen des Frust-Sturms ihrer Leser die Redaktion der "Berliner" bei den Lesern mit einer kurzen Meldung. Einspruch in eignere Sache. Man titelte drüber "
Nie mehr fiktiv - vielleicht"; also mit Augenzwinkern und keiner Gewähr, dass es nicht doch erneut passieren würde. Nach einer dicken Entschuldigung klang das trotzdem. Hatte etwa ein einzelner Redakteur einfach mal seiner Fantasie freien Lauf gelassen und den Beitrag dann versehentlich ins Blatt gehoben? Könnte ja sein. "... versprechen wir, dass wir Sie wahrschienlich nie wieder hinters Licht führen wollen", formulierten sie jetzt an die "Lieben Leser". Es folgt die Erklärung, dass alles Fiktion gewesen sei. Schade eigentlich, denn offenkundig hätte die "Berliner" Gefallen an einer solchen Sinnlos-EM-Partie gefunden. Offenkundig aber an ihren Lesern vorbei, die den Spaß hinreichend unkomisch fanden.
Moral: Auch wenn es Dir als Redaktion noch so gefällt, dem Leser muss es noch lange nicht so gehen, und er rächt sich mit üblen Beschimpfungen bis Du Dich entschuldigst.
Das vorerst letzte Spiel um Platz 3 bei einer Fußball-EM am 21. Juni 1980: