Woran starb Robert Enke? So viel ist sicher - nicht an der Schweinegrippe. Warum ist das eigentlich keine Nachricht? Denn dass das keine Nachricht ist, war in den vergangenen Tagen nicht mehr so sicher. Eher so unsicher, wie die Chance, diesen Winter schweinegrippefrei zu überleben.
Warum? Wir haben Schweinegrippe. Ja, richtig, wir alle. Wir wissen es offenbar auch. Und zwar ganz genau. So genau, dass wir gar nicht mehr nachfragen, woran jemand gestorben ist, wenn jemand gestorben ist. Denn der Schweinegrippe-Generalverdacht gilt bei jedem Todesfall in Deutschland, seit wir spätestens wissen, dass es Schweinegrippe in Deutschland gibt. Seit diesem Herbst sind wir also schlauer. Schweinegrippe-Schlau!
Beispiel gefällig? Den beeindruckenden Beleg einer Schweinegrippe-Todes-Nachricht lieferte dieser Tage eine Meldung aus Thüringen, die, wohlgemerkt, es zu einer Nachricht brachte, weil irgendetwas im Leben des 55-jährigen, mittlerweile Verstorbenen nach Schweinegrippe klang. In diesem Fall die Impfung.
Der Mann ging also zum Arzt, ließ sich mit dem Serum Pandemrix impfen und starb dann - plötzlich, unerwartet, einfach so. Und da man das nicht so zeitnah mit einem Schweinegrippe-Ereignis machen sollte und er es trotzdem tat, wurde der Mann flux zum "vermutlichen", "wahrscheinlichen", zumindest aber zu einem Extrem-Schnell-Schweinegrippen-Toten. In jedem Fall zu einer Schweinegrippe-Vermutungs-Nachricht. Vermutlich hat sich dabei niemand etwas gedacht. Das Probelm dabei: Jetzt denken wir alle so. Vielmehr: Wir vermuten nur noch. Wissen kommt dabei nicht mehr vor.
Nichts an der Meldung deutete nun daraufhin, dass der Mann möglicherweise an einer anderen Krankheit starb, obgleich man das noch schweinegrippe-geschüttelt an die Nachricht, quasi als Alibi für alle weiteren Folgen, hinten dranhängte. Eine Obduktion der Leiche solle die Todesursache feststellen und auch klären, ob die Schweinegrippe nun damit zusammenhängt oder nicht. Nur: Da war die Nachricht schon draußen und der vermeintliche wie tatsächliche Aufreger auf dem Markt. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie den Nachrichtenredakteur Ihres Vertrauens, so Sie noch einen haben. Denn die sterben aus - Sie wissen ja, wir haben Schweinegrippe.
So viel zu den Qualitäten von Nachrichten in diesen Schweinegrippe-Tagen. Eine Nachricht wird, was aufregend erscheint, nicht was tatsächlich, hintergründig und gründlich recherchiert ist. Es würde nicht nur Arbeit machen; es würde die Sensation killen, die hinter der Möglicherweise-Nachricht steckte. Fakt ist nur eines: An der Schweinegrippe-Front starb die Nachricht, ansonsten die üblichen Verdächtigen des Tages - Menschen aller Hautfarben und Krankheiten. Doch die schlimmste Nachricht des Tages lautet: Die Nachricht ist mit dem Schweinegrippe-Virus infiziert und bereits daran erkrankt. Ob unheilbar, lässt sich, anders als bei der Schweinegrippe am Menschen, immer schwerer abschätzen.
Wie aus der Wahrscheinlich-Nachricht eine Nicht-Nachricht wurde, darf nun verfolgt werden:
Mauer! Fall! Vor 20 Jahren halb so alt, halb so klug, halb so erfahren, halb so aufgeklärt wie heute war es ein Feiertag für mich, den geborenen Berlin-Friedrichshainer.
Szene der Pressekonferenz am 9. November 1989.
Quelle: Der Tagesspiegel, 8. November 2009/Repro: cujau.de
Erlebt habe ich den Mauerfall nicht m 9. November; ich war zu müde an diesem Tag. Erschöpft hatte ich zwar die Pressekonferenz von SED-Propaganda-Mann Günter Schabowski im DDR-Fernsehen verfolgt. Aus Schabowskis Bemerkungen von wegen "unverzüglich", "ohne Angaben von Gründen", "Genehmigungen würden umgehend erteilt" den Mauerfall abzuleiten, wäre für mich konditionierten DDR-Betäubten zu verwegen gewesen. Zumal Schabowski davon sprach, dass man den Passus für eine "ständige Ausreise" aus dem noch zu verabschiedenden neuen Reisegesetz an diesem Abend "herausgelöst" habe. Im Grunde lautete ja Schabowkis Formel: Wer jetzt für immer ausreisen wolle, brauche dafür nicht mehr irgendwelche Botschaften in Prag oder Warschau zu belagern, sondern könne direkt von Ost nach West gehen. Von Ost- nach Westberlin, soweit reichte mein verklemmter Kopf nicht mehr. Denn: Für immer gehen wollte ich nicht. Ich hatte nichts; nur keinen Plan. Also ging ich nach der Pressekonferenz schlafen; abends kurz nach 7. Die Tagesschau habe ich schon nicht mehr gesehen, mal abgesehen vom Heute-Journal oder den Tagesthemen. Erst am nächsten Morgen wachte ich auf; am Morgen nach der Weltgeschichte mitten in Berlin.
Dass die Weltgeschichte danach neu geschrieben wurde, bekam ich erst durch die Radio-Nachrichten mit. Jahre später sah ich eine TV-Doku jenes Abends, und ein Mann sprach in ein Mikrofon am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin: "Wer jetzt schläft ist tot." Ich schlief. Ich war tot. Gestorben am 9. November 1989.
Nur: Wer hat die Mauer zu Fall gebracht? Die Menschen in der DDR? Günter Schabowski? Jornalisten, die auf der legendären wie langweilig dahintröpfelnden Pressekonferenz nachgefragt haben, wie der Italiener Riccardo Ehrman oder der damalige Bild-Journalist Peter Brinkmann, den Thilo Baum zu jenem Pressekonferenz-Tag jetzt interviewt hat? Oder der mediale Druck auf die DDR-Schlagbäume? Haben die Medien die Mauer geöffnet? Nichts scheint ausgeschlossen. Eines sagte Brinkmann aber im Interview mit Thilo Baum, dass sie etwas geahnt hätten bei der Bild, beim Springerverlag. Denn es hatte in jenen Tagen geschäftige Geheimdiplomatie zwischen Ost- und Westberliner Stellen gegeben hat.
Man überschlägt sich in diesen Tagen des 20-jährigen Mauerfalls mit einer Retrospektive auf die DDR. Retrospektive ist ein Rückblick. Und so blicken sie auf eine DDR zurück; auf eine damals aber untergehende. Vor 20 Jahren war es bereits eine Retrospektive - ein Rückblick - auf die DDR, auf das Scheitern des real existierenden deutschen Sozialismus. Die Menschen wollten damals nur noch raus aus diesem Rückblick. Sie wollten nach vorn schauen; nach vorn flüchten.
Die DDR ist im November 1989 am Ende. Und das ist auch gut so. Hinter ihr lagen die größten Flüchtlingswellen seit den 50er Jahren über Ungarn und Tschechien in den 89er Sommermonaten. Und der Mauerfall war ein Symbol für dieses Rückenkehren zu einem ungeliebten Land.
Der Mauerfall ist zuallervorderst die Abkehr von der DDR. Raus hier, weg hier von den Technokraten der SED-Apparte. Der Mauerfall war kein Aufruf zum Durchhalten, kein wehmütiger Gedanke an die gute alte Idee eines Sozialismus, keine Rehabilitation für die Mauerschützen. Der Mauerfall war ein Prozess. Wann er anfing, ist so strittig wie vielschichtig; vielleicht 1980 auf der Danziger Werft oder 1978, als Karol Wojtila zu Papst Johannes Paul II. wurde.
Eines war der Mauerfall hingegen ganz sicher: der Fall der DDR. Und keine Erfindung einer neuen DDR. Diese Idee starb vor 20 Jahren. Ein schöner Tod.
Und ich: Als braver Mensch ging am 10. November arbeiten; und meinen ersten Westberlinschritt tat ich an dem folgenden Sonnabend, den 11.11. Helau!
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