Freitag, 24. Oktober 2008Interview 2.0Noch immer suchen die Zeitungsverlage nach Wegen, wie sie den Schwindsucht bei den Auflagen abfangen wollen. Gleichzeitig gelingt es immer noch nicht, die Oline-Ausgaben mit den Druckprodukten sinnreich zu verknüpfen.
Also bedienen sie sich einer Krücke; wie der Tagesspiegel das jüngst ausprobiert. Ein Zeitungsinterview geht im Internet weiter. Da führen sie also ein Gespräch mit dem altgedienten Mittelfeld-Mann von Hertha BSC, Pal Dardai, einem Ungarn. Fein. Dardai hat viel zu erzählen; er war dabei als die Mannschaft 1997 aus der ewigen Zweitliga-Klassigkeit in den 1. Bundesliga aufgestiegen ist; er war dabei, als die Mannschaft schon zwei Jahre später in der Chamions League sogar die 2. Gruppenphase erreicht hatte - gegen Mannschaften wie den Londoner FC Chelsea, den AC Mailand oder Galatasaray Istanbul. Dardai hat viel zu erzählen; und das tut er erfrischend offen, erfrischend unterhaltsam eben. Und der Tagesspiegel findet das auch und druckt das Interview in der Donnerstag-Ausgabe - an jenem Tag, an welchem die Berliner in die aktuelle Runde des UEFA-Pokals gegen Benfica Lissabon einsteigen. Dardai plaudert über sich, über die Zeit vor zehn Jahren, über die Champions League, über Ansprüche der Mannschaft und der Stadt und über Rotwein. Und dann kommt der neue Marketingsatz unter dem gedruckten Interview: "..... Ausführlichere Version: tagesspiegel.de/hertha. Interview Part 2? Interview 2.0? Interview reloaded? Ah. Es gibt noch mehr zu erzählen, was auf die Zeitungsseite nicht gepasst hatte. Man führt den Leser ins Netz. Ein raffinierter Schachzug, um den Leser als Klicker zu gewinnen. Zwar wird in der Internet-Ausgabe des Interviews ein wenig mehr geschwafelt, mehr Substanz ist nicht vorhanden. Doch der Gag allein gelingt. Man springt ins Internet undliest noch ein bisschen mehr; mehr Fragen, mehr Antwortsätze als unter den gedruckten Fragen. Allerdings fehlt der Grund, denn mehr Information steckt dann doch nicht in der Online-Ausgabe. Nur: Sie haben es versucht und verbinden beides miteinander. Ob davon beides profitiert, sei mal dahingestellt. Ich denke eher nicht. Denn diesen Sprung hätten sie längst vollziehen können. Bei den Unmengen an mehr Informationen ist im Netz immer mehr Platz als auf einer Zeitungsseite. Das Fernsehen hat es auch schon vorgeführt mit dem berühmten Spruch am Ende eines Beitrages: "Mehr Informationen dazu finden Sie bei uns auf der Internetseite ..." Hier geht's zum Netz-Interview mit Pal Dardai. Das gedruckte gibt's nur noch beim Altpapier-Händler. Dienstag, 21. Oktober 2008Irre wegen Anstalt!Ja irre, was?! Beim Tagesspiegel drehen sie durch wegen der ARD, dieser Anstalt. Oder habe ich da irgendwas missverstanden. Es könnte natürlich auch sein, dass jemand namens Irre zitiert wird, der geäußert hat: "Irre: ARD steigt bei Friedenspreis plötzlich aus". Das darf man durchaus annehmen, da dieses kleine verräterische Wörtchen "plötzlich" eine Wertung transportiert, welche in Überschriften von zumindest als seriös zu bezeichenenden Abonnementzeitungen wie dem Tagesspiegel auf dem Index des Redaktionskodesxes stehen dürfte. Verbrieft ist das allerdings nicht, das sei hier ausdrücklich betont.
Natürlich besteht auch der Verdacht, dass hier eine Boulevarddisierung des Tagesspiegels ausprobiert wurde. Das darf jedoch als gründlich misslungen gelten. Denn dieser Art einer gossigen Betroffenheitshauchelei bemächtigen sich nicht einmal gestandene Bilder-Blätter. Irre wäre Kinski, Irre wäre ein gigantischer Millionengewinn. Die ARD als irre zu bezeichnen, würde selbst den eingefleischtetsten Schlagzeilen-Profi anicht aus der Tastatur fallen. Nun war der Autor bestürzt über den Abbruch der Live-Übertragung aus der Frankfurter Paulskriche zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Anselm Kiefer. Da trägt einer sein Herz zum Leser, sollte wohl die Überschrift verdeutlichen. Vielmehr ist das Gegenteil passiert. Beim Tagesspiegel haben sie die eigenen Grundsätze eines langsam sichenden Qualittäs-Journalismus zu Grabe getragen. Irre! Oder? Einige Seiten weiter tragen sie dann zur totalen Verwirrung bei. Dort wird ein Sprecher der Deutschen Bahn zu den ICE-Verspätungen dieser Tage zitiert. Überschrift: "Bahn: Von tag zu Tag wird es besser". Mal abgesehen vom realitätsfreien PR-Euphemismus stellt sich dann auch hier die Frage: Heißt da einer Bahn, oder spricht die Bahn jetzt selbst, oder gibt es noch eine weitere Erklärung? Total irre! Sonntag, 19. Oktober 2008Hummel-HimmelHier sucht sich diese Hummel ihren finalen Platz - bei uns auf dem Balkon auf den weiß-zitronengelben Wandelröschen. Ihr Nirvana nahm sie sich heute morgen. Und jetzt ist sie endgültig angekommen - in ihrem Hummel-Himmel. Montag, 13. Oktober 2008Köche 3Marcel Reich-Ranicki wirkt in den Tagen nach seiner Maßregelung wie ein Dopingmittel fürs Fernsehen. Die von ihm abqualifizierte 3sat-Sendung "Kulturzeit" hat sich das alles zu Herzen genommen und ein Forum eröffnet - "Was ist Qualitätsfernsehen?", fragt das TV-Feuilleton des Dreiländersenders. Bevor also MRR im ZDF darüber am Freitag plaudern darf, dürfen die Zuschauer mal ein paar Vorschläge hinterlassen. Eines lässt sich zumindest jetzt schon die Stimmung zusammenfassen: Es gibt zu wenig Reich-Ranicki im Fernsehen. Ich würde mal sagen, was es zu viel gibt: zu viele Anne Wills, zu viel Maybrit Illners, zu viele, die glauben, dass der Demokratisierung mit dem Proporz bei ARD und ZDF Genüge getan wurde; zu viele, die mit Halbwissen glauben, die Masse bekehren zu müssen. Hierin hinkt das Fernsehen dem Internet hoffnungslos hinterher. Was dort schlecht ist, wird einfach nicht mehr angeklickt und stirbt.
Warum wird zur laufenden Finanzkrise am Abend der Verkündung Angela Merkel erst nach den Heute-Nachrichten im ZDF und später in der ARD in den Tagesthemen befragt? Etwa, weil beide Sender um Zuschauer konkurrieren? Sender also, die beide ihr Geld aus derselben Quelle bekommen - nämlich vom Gebührenzahler? Worin besteht der tiefere Sinn dieser grenzenlosen Überheblichkeit und Arroganz gegenüber den Zuschauern? Darin liegt der Mangel an Qualität; in der Elfenbeinturm-Mentalität, die suggeriert, wir seien alle so blöd und fänden Atze Schröder schau. Köche. Nichts als Köche. Auch von denen gibt es zu viele im deutschen Mangelfernsehen. Montag, 13. Oktober 2008Köche 2
Hier nun der Nachtrag in bewegten Bildern vom äußerlich wie innerlich bewegten Marcel Reich-Ranicki bei seiner Wutatio gegen das deutsche Fernsehen während der Gala zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008:
Wie hübsch doch manchem im Saalpublikum die Gesichtszüge in Zeitlupe entgleiten. Und dazu dieser wedelnde Zeigefinger des MRR. Famos! Sonntag, 12. Oktober 2008Köche" ... und zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche. Es war schrecklich." (Marcel Reich-Ranicki im FAZ-Interview vom 12. Oktober 2008 über die ZDF-Gala-Sendung zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, bei welcher er den Ehrenpreis - den Preis für das Lebenswerk - erhalten sollte.) ![]() Köche, nichts als Köche: ZDF mit Reich-Ranicki und Gottschalk Webfoto: cujau.de Marcel Reich-Ranicki hat dem Fernsehen die Levitten gelesen. Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises am Sonnabend-Abend in Köln wütete er von "Blödsinn", "erbärmlichen Niveau" und rief ins Publikum in gewohnter Frotzigkeit "Ich gehöre nicht in diese Reihe". Alles im deutschen Fernsehen. Er nennt den Fernsehpreis-Pokal, "diesen Gegenstand", welchen er den Leuten nur entgegenwerfen könne. "Ich finde es auch schlimm, dass ich das hier vier Stunden erleben musste."
Und die Kritiker des Kritikers sprachen von einem "Eklat", wie etwa "Spiegel Online". Sanfter redet man beim übertragenden Sender ZDF von "Beinah-Eklat" und "Fernsehgeschichte", welche mit dem Reich-Ranicki-Auftritt geschrieben worden sein würde. Dabei sorgen sie für den Eklat, indem sie den aussterbenden Weisen nicht verstanden und das das Fernsehen ihn langweilte. Jetzt reicht es schon, in diesem Land die Wahrheit zu sagen, um für einen Spiegel-Orchestrierten Eklat zu sorgen. Reich-Ranicki sollte den Ehrenpreis erhalten, lehnte ihn ab, ließ sich von Quotenbarde Thomas Gottschalk besänftigen und als Fernsehkritiker verpflichten; am Freitag um 22 Uhr 30 im ZDF will das Fernsehen mit Reich-Ranicki streiten. Die Frage ist nur, worüber. Ums Fernsehen? Um Reich-Ranicki. Beides uneinnehmbare Festungen. Reich-Ranickis Wut hat vielmehr eine Vorgeschichte. Es geschah am 6. September 2003. Rudi Völler - damals Fußball-Bundestrainer - sollte ein 0:0 im EM-Qualifikationsspiel auf Island erklären und rechtfertigen und musste sich aus dem Nachbarstudio Mäkeleien der Fernseh-Schulmeister Gerhard Delling und Günter Netzer anhören. Quälend lange zehn Minuten. Seinem ARD-Gegenüber Waldemar Hartmann plärrte Völler dann in vollendet impulsiv Wörter wie "Scheißdreck", "Käse", "Scheiß", "Schwachsinn", "Sauerei" und "Mist" entgegen, was da so die "Gurus" und "Ex-Gurus" von sich gaben. Völler wusste es vor Reich-Ranicki - alles Blödsinn, alles Köche. Verderber. Also musste Reich-Ranicki auch völlern, wissend, es könnte seine letzte Chance sein, dann doch noch mal mit seinem medialen Abgang am Sonntag klarstellen, er ist der Völler von 2008; er weiß, wie man das Fernsehen nehmen und sehen muss, wie es ist - auf seinem Niveau: Köche, nichts als Köche. Freitag, 10. Oktober 2008Kahn des TagesJetzt wissen wir es. In jedem von uns steckt ein Kahn; ein doppelter sogar. Denn wir alle haben es - ein Kahnbein; einen der wichtigsten Handwurzelknochen. So. Jetzt ist es raus. So viel Kahn war selten. Und wie kommt das Ganze? Zufall konnte es kaum sein, dass ausgerechnet Robert Enke, ein Nachfolger des Torwart-Titanen Oliver Kahn, sich das Kahnbein bricht. Enkes Kahnbein. Was für eine fürchterliche Torwart-Ironie. Torhüter haben Kahnbeine. Jetzt werden natürlich Anatomiker, Fachleute und Ärzte müde lächeln, denn Kahnbeine haben wir alle. WIR ALLE?! Jo. Enkes wichtigstes Arbeitsgerät ist kaputt - die linke Hand. Hände sind für Torhüter wie das Salz für Köche, der Kopf für Philosophen, die Tastatur für Schreiber. Jetzt ist Enkes Tastatur gebrochen. Er wird acht Wochen nicht torhütern können, sagen Fachleute. Chirurgen wissen das, weil sie viel mit kaputten Händen zu tun haben und das Kahnbein kennen, das tückische. Vorerst mit maladem Kahnbein: Robert Enke Kahn lebt also in Enke fort; tückisch und nachtragend. Nicht, dass wir das geahnt hätten, dass Kahn aus der Geschichte zurückschlägt. So viel kann er noch; er tut es hinterrücks. Es klingt wirklich wie ein schlechter Torwartwitz, diese Verletzung. So humorlos wie Kahn selbst auf dem Platz immer gewesen ist. Peinlicher kann sich ein Torhüter also nicht verletzen - am Kahnbein, jedenfalls in Deutschland. Peinlich für Enke zudem: Der kleinste aller Nationalspieler - Philipp Lahm - hat dem Torhüter mit einem satten Torschuss im Training die Hand lädiert. Friendly Fire sozusagen. Na ja, passt irgendwie zum Kahnbein. |
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