Es gibt sie, die verkehrte Welt; besonders für Fußballer, die die Welt umso weniger verstehen, je heftiger ein Sieg kritisiert wird. Als jüngstes Beispiel darf das 3:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen EURO-2008-Teil-Gastgeber Österreich in Wien herhalten.
"3:0 verloren" titelte etwa Spiegel Online, das Portal "Sport1" schreibt: "
Der Trend geht nach unten" - alles nach einem Sieg, und jeder wird sich die Augen reiben, ob die sich verschrieben haben. Haben sie nicht; sie jonglieren nunmal gern an der Grenze zur Übertreibung und Selbstbefriedigung. Zur Erinnerung: Es war ein Auswärtssieg. Mittelpunkt jener Welle der rhetorischen Gewalt wurde Torhüter Jens Lehmann; jene Torwart-Lichtgestalt der Polarisierung.
In Halbzeit 1 gegen den für deutsche Fußball-Gefühle zweitklassigen Kontrahenten aus dem Alpenland hatte Lehmann viel Anlass zur Sorge und landesweiten Diskussion geliefert - bei einem unmotivierten Ausflug bis 30 Meter vor das Tor; bei zwei Faustabwehrversuchen, zu welchen er sich verschätzt hatte. Seine Parabel-Berechnungen stürzten zu früh in den Wiener Abendshimmel und deshalb nicht in seine Fäuste.
Lehmann findet, dass das keine Fehler gewesen sind - na - allerhöchstens einer. Zitat: "Ich habe einen Fehler gemacht, weil ich mich verschätzt habe. Ich dachte, der Ball springt weiter weg weil der Rasen so nass war. Da bin ich schlecht rausgekommen. Aber ansonsten glaube ich, dass ich mich reingehauen habe, als es eng wurde. Man kann leider nicht jeden Ball bekommen, wenn man so risikoreich spielt wie ich."
Er hat also risikoreich gespielt. Na wenn das der Bundestrainer erfährt. Denn diese Auslegung des Berufes zwischen den Pfosten gilt als allererster Grund für eine Abberufung aus dem Tor. Lehmann redete sich um Kopf und Kragen, weil er die Wahrheit spricht. Weiter erzählte er nach dem Spiel: "Ich habe einen Ball unterschätzt, das ist mein Fehler, das kann man so sehen. Aber es ist nichts passiert. Es gibt genügend andere Torhüter, die Fehler machen. Auf meine Situation in der Nationalmannschaft bezogen kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Fehler gemacht hätte."
Hat Herr Lehmann Alzheimer. Nur zwei Sätze vor seiner Fehler-Erinnerungslücke gesteht er einen Fehler ein; wenngleich auf Zuruf, aber dennoch. Dann kann er sich nicht mehr daran erinnern. Der Rest des Gespräches* ist ein glänzendes Lehmannsches Ablenkungsmanöver:
Frage: Motiviert es Sie, dass jetzt ganz Deutschland in den kommenden Wochen über Jens Lehmann diskutiert?
Lehmann: Es gibt ganz andere Probleme. Ich habe jetzt einen Fehler gemacht, weil ich einen Ball unterschätzt habe. Darf ich Sie fragen, wann ich den letzten Fehler gemacht habe?
Frage: Die Frage war ja, ob es Sie motiviert.
Lehmann: Ich frage Sie auch: Wann habe ich den letzten Fehler gemacht?
Frage: Das kann ich Ihnen nicht sagen.
Lehmann: Sehen Sie. Wenn Deutschland nichts anderes zu diskutieren hat, ist es einerseits schön, weil wir sonst keine Probleme haben, und damit lebe ich als Torwart. Sie können schreiben, was Sie möchten, das werden Sie auch tun. Sie haben ja ansonsten nichts zu diskutieren.
Frage: Der Hintergrund der Frage ist: Teammanager Oliver Bierhoff sagte, der Stress und der Druck tun Ihnen eigentlich gut.
Lehmann: Genau. Aber heute war der Druck vielleicht nicht so groß.
Irgendwann konnte sich der Fragesteller auch an keinen Fehler von Lehmann mehr erinnern. Glänzend, dieser Herr Lehmann.
* Quelle:
Spiegel Online