Freitag, 24. November 2006In der Röhre Teil2
Anruf bei der Premiere-Hotline: Guten Tag, wir würden gern den Arena-Kanal freigeschaltet bekommen. Premiere-Hotliner: Gut. Dazu brauchen wir Ihre Vertragsnummer bei Premiere, dann Ihren Kabelnetzbetreiber und die dortige Vertragsnummer.
Seit über sechs Jahren ist die Sportredaktion der Märkischen Oderzeitung Kunde bei Premiere, weil sie den Sender als Arbeitsmittel benutzt.More... Alle angefragten Daten werden eingesammelt und wieder Premiere-Hotline angerufen: Hier sind die Daten für Sie. Hotine: Danke. Wie lange dauert das Freischalten denn jetzt noch? Premiere-Hotline: Noch ein paar Tage. Wie lange denn? Premiere-Hotline: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Drei bis sieben Tage, je nach Kabelfirma. Geht das nicht konkreter? Premiere-Hotline: Nein, mehr kann ich nicht sagen. Wer kann denn mehr sagen? Premiere-Hotline: Das weiß ich auch nicht. Wer weiß es dann? Premiere-Hotline: Wie gesagt, das kann ich nicht sagen. Sie müssen ein paar Tage warten. Hören Sie, ich benötige präzise Aussagen. Das, was Sie hier mitteilen ist sehr unkonkret. Wir benötigen hier in der Redaktion Arena als Arbeitsmittel und nicht zum Vergnügen. Premiere-Hotline: Ich habe darauf keinen Einfluss. Wer hat dann Einfluss darauf? Premiere-Hotline: Das ist die Technikabteilung. Dann verbinden Sie mich mit ihr. Premiere-Hotline: Das geht nicht. Was geht dann? Ich brauche eine Lösung, keine Hinhaltetaktik. Mit Ihren Informationen kann ich nichts anfangen. Premiere-Hotline: Ich werde der Technikabteilung eine Email schicken. Die kann sich ja dann an Sie wenden. Das ist ja mal ein Vorschlag. Bitte teilen Sie der Technikabteilung mit, dass wir dringend eine Freischaltung brauchen. Dann wird aufgelegt. Zum Zeitpunkt dieses Gespräches war die Fußball-Bundesliga-Saison bereits zweieinhalb Monate alt. Gut eine Woche später war immer noch nichts geschehen, kein Bild von der Bundesliga, alles schwarz auf dem Arena-Kanal bei Premiere. Ein erneuter Anruf bei der Hotline bringt in etwa das gleiche Resultat; man müsse warten, es dauere noch. Bei der Premiere-Hotline konnte der Mitarbeiter nicht sagen, woran es liegt; weder eine Woche zuvor, noch jetzt - keine Idee, keine Lösung, weiter nur Hinhalteparolen. Eine Auskunft aus der Technikabteilung gab es auch nicht. Vielleicht klappe es ja in ein bis zwei Tagen. Nichts klappte. Es blieb weiter alles schwarz. Inzwischen hatte Premiere einen Brief losgesendet, dass eine Freischaltung an dieser Adresse in Frankfurt (Oder) nicht möglich sei. Deshalb gäbe es keinen Arena-Zugang. Das wäre nun mal so. Wie bitte? Wir sehen hier seit über sechs Jahren Premiere, und jetzt soll es keine Verbindung zu unserer Adresse hier geben? Also wieder mal die Hotline anrufen. Eine Frau war dran. Kurze Einführung, dann war sie informiert über Vertragsnummern bei Premiere, bei der Kabelfirma. Sie erklärte, dass man genau den Schnittpunkt an der Straße brauche, wo das Kabel liegt und wo sich dann die Premiere-Karte befände. Endlich erklärte mal jemand die Ausgangslage, die Voraussetzung dafür, damit man überhaupt etwas freischalten kann. Welche Adresse haben Sie denn? Premiere-Hotline: Also hier steht Märkisches Verlags- und Druckhaus, Postfach, 15201 Frankfurt (Oder). Hm, ein Postfach. Wie wär’s mit der Straßenadresse? Premiere-Hotline: Ja, das könnte uns weiterhelfen. Aha. Endlich. Sie sind die Erste, die bei Ihrer Hotline mal das Problem erkennt. Also unsere Straßenadresse ist Kellenspring 6, 15230 Frankfurt (Oder). Jetzt müssten Sie ja den Straßenknotenpunkt finden können. Bei einem Postfach liegt wohl kaum der Straßenknotenpunkt, der zu unserer Premiere-Karte führt. Premiere-Hotline: Ja, das dürfte klappen. Zwei Tage später gab es die ersten Bilder von der Fußball-Bundesliga auf Arena über den Premiere-Kanal in unserer Redaktion. Man muss also auch viel Glück und Geduld haben, um bei Premiere einen Zugang zu erhalten, der urplötzlich zwischenzeitlich einfach mal für nicht vorhanden erklärt wurde. Donnerstag, 23. November 2006
Deutschland - ein Wintertrauma Geschrieben von Cujau
in Auf der Leinwand um
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Deutschland ist betrunken; seit fünf Monaten. Wie passend, bei so viel Fußball. Erst ließ es sich von Alt-Bundestrainer Jürgen Klinsmann einen über den Durst einschenken. Seit Jüngstem - längst trocken von Klinsmann - wurde die vereinte deutsche Fußballseele rückfällig durch Sönke Wortmanns Doku-Drama „Deutschland - ein Sommermärchen“. Jener Regisseur, der gern selbst unter den Klinsmännern zur WM im eigenen Land aufgespielt hätte, es aber Über Westfalia Herne als Zweitligaprofi nie hinaus geschafft hat, beschert uns die WM in den bevorstehenden Winter hinein. More...Wer aus dem Film herausgeht - so wie bislang Über drei Millionen Kino-Klinsmänner - der fühlt sich gleich ohne einen Herbst in den Winter versetzt. „Deutschland - ein Wintertrauma“ dürfte der weit passendere Titel für Wortmanns Video sein. Seine Botschaft wird schnell deutlich: „Deutschland - Du hast einen Wunderheiler - Jürgen K.“ Beinahe zu jedem Szenenwechsel verkündet der wahlkalifornische Blondschopf seine schlichten Wahrheiten. Da ständen die Polen vor dem Spiel gegen die Deutschen „mit dem Rücken zur Wand“. Also schlussfolgert Klinsmann brüllend: „Und wir knallen sie durch die Wand.“ Vor der Achtelfinalpartie gegen Schweden „brennt der Baum“ bei Klinsmann. Unfreiwillig offenbart uns Wortmann: Eigentlich brennt nur Klinsmann. Die Spieler lassen sich in der Kabine kaum anstecken, lümmeln auf ihren Plätzen herum. Es bleibt eine Egomanen-Show, bei der sich Hauptdarsteller Klinsmann seiner Wirkung bewusst ist - ein Schulungs-Video in Narzissmus.
Was für Einblicke einer pseudo-voyeuristischen Wortmann-Kamera? Vielmehr verhindert Wortmann („Das Wunder von Bern“) den wahren Einblick. Wo bleibt der große Schnitt auf Oliver Kahn vor dem Eröffnungsspiel in seiner Bayern-München-Arena? Schließlich musste er seinen Platz an Jens Lehmann abtreten zu Kahns wichtigstem Turnier seines Lebens. Auch sonst keine Schnitte auf Kahn, der als einziger Spieler nach dem 4:2-Auftakt gegen Costa Rica noch minutenlang auf der Bank verharrte und sichtbar darüber grübelte: Weshalb spiele ich hier nicht mit? Das sehen wir nicht; das kennen wir aber aus den Fernsehbildern von damals. Stattdessen Jubel und Schulterklopfen in der Kabine von Klinsmann - das Erwartete wird gesendet. Warum sehen wir eine chronologische Abfolge der WM? Das ist keine Dramaturgie, das ist schlichtes Abspulen von Geschehenem wie beim Zusammenschnitt eines Fußballspiels. Warum sehen wir vor jedem Spiel der Deutschen immer die gleichen Rituale? Eine Kabinenansprache hätte genügt. Da gibt es eine, die alles verdeutlicht und somit gereicht hätte: Vor dem Argentinien-Spiel läuft Klinsmann zur Hochform auf. Das kommt rüber. Klappe! Stattdessen müssen wir Klinsmann auch gegen Italien in gleicher Pose Über uns ergehen lassen. Nein, lieber Sönke Wortmann, das gerät aus dem Ruder, weil hier ein Fußball- und Klinsmann-Fan Regie führt. Offenbar brauchte der Regisseur selbst die Anfeuerung, um den Film überhaupt zu Ende zu bringen. Leider strotzt der Film vor Déjà -vús: La Ola von Polizisten an der Straße, dann von Bundeswehrrekruten an der Straße. Besser wirkt die erste Welle, weil es nur vier Polizisten auf einer einsamen Straße sind. Ein starker Augeblick, der abgeschwächt wird, als Wortmann eine endlos lange Straße unzählige Rekruten auf die gleiche Weise jubeln lässt. Eine reichlich ärgerliche und bedeutungsleere Wiederholung. Zwar übermittelt Wortmann uns immer mal wieder auch starke Bilder; aus den Spielen, aus der Kabine, von den Busfahrten. Retten kann das den Film keineswegs. Da hat er schon verloren. Denn Wortmann missachtet filmische Regeln. Zu einer Dopingprobe des Deutsch-Schweizers Oliver Neuville klebt die Kamera an dem Stürmer, der sich beobachtet fühlt und erstmal sagt, so könne er nicht. Das hätte gereicht. Nur Wortmann nicht. Der bleibt hinter Neuville und zeigt uns durch den geöffneten Türschlitz das entblößte Hinterteil, bis es dann hörbar aus Neuville herausplürrt. Hahahaha! Nur: Witzig war Wortmanns „Der bewegte Mann“, nicht Neuvilles Unpässlichkeit. Von hundert Stunden (6000 Minuten) Videomaterial schnitt Wortmann 108 Minuten für sein Sommermärchen heraus und enthielt uns die besten Szenen vor. Wo blieben die Mannschaftsbesprechungen? Zu sehen bekommen wir nur eine Klinsmann-Ansprache zum Thema Medien. Wie verbrachten die Spieler ihre Freizeit, die Abende, was aßen sie zum Frühstück, was zum Abendbrot, was vor den Spielen, was danach? Stattdessen enthüllt man uns den ominösen Elfmeter-Zettel Lehmanns für das Argentinien-Spiel. Nur kannten wir den längst. Zur Premiere in Berlin zum bedeutungsschweren Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober fehlten zwei Darsteller: Klinsmann und Kahn. Wortmann sagte, keiner der beiden habe ihm an diesem Tag gefehlt. Mehr muss man nicht mehr sagen. Alle anderen haben schön gefeiert - sich selbst unter Wortmann, ihrem neuen Vorjubler. Für alle, die das im Kino nicht alimentieren wollten, gibt's am Nikolaustag in der ARD die kostenfreie - na ja, gebührenfinanzierte - Variante ab 20.15 Uhr. Just an dem Tag, als Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Fußball-WM voller Eigenlob als "sportlichen, wirtschaftlichen und politischen Erfolg" in einer extra veranstalteten Pressekonferenz mit dem DFB-Kämpen Dr. Theo Zwanziger bezeichnete, übertragen auf Phoenix. Kein Wort Über radikale Ausschreitungen in den letzten Wochen auf deutschen Fußball-Schauplätzen. Man habe Über 10000 Arbeitsplätze geschaffen. Kein Wort darüber, wie viele von denen wieder auf der Straße stehen, weil sie einem WM-befristeten Job nachgegangen waren. Schäuble konstatierte vielmehr, dass es mit der WM einen außerordentlichen Beitrag für Integration in Deutschland gegeben habe. Das zeige auch der Film. So viel staatlich verordneter Erfolg war selten! Filmkritik ausgeschlossen bei einem Streifen, den die Tagesschau noch kurz vor der Ausstrahlung am Abend des Nikolaustages angepriesen hatte. Welch ein Trauma! Armes, betrunkenes Deutschland ... Donnerstag, 23. November 2006In der Röhre Teil1
Beim Bezahlfernsehen Premiere kann man ganz schön in die Röhre schauen. Das hat Gründe, denn seit diesem Jahr ist die Pay-TV-Station nicht mehr die einzige in Deutschland. Man muss den Markt mit Arena teilen, einem baden-württembergischen Kabelunternehmen, das zu einem Teil Unity Media und zum anderen der Kabel Deutschland gehört.
Vor Premiere schnappte sich Arena Anfang des Jahres die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga zu einem Preis von 240 Millionen Euro weg. Trotz des höchsten Angebotes (280 Millionen Euro) unterlag Premiere, weil sie verlangten, die ARD-Sportschau solle vom angestammten 18-Uhr-Platz auf nach 22 Uhr weichen. Rechte-Vergeber Deutsche Fußball-Liga ließ sich darauf nicht ein und schlug den Posten Arena zu. Plötzlich war Premiere das Grundnahrungsmittel entzogen worden. Man drohte zu verhungern. Auch der Deal mit der Deutschen Telekom, die die Internet-Rechte am deutschen Balltretertum erwarb und ein Verbreitungsportal suchte, gesundete Premiere kaum. Allerdings hatte auch Arena ein Problem: die Verbreitung. Nur gut sieben Millionen Haushalte besaß man, und Premiere saß auf Kunden, die Fußball gekauft hatten und nun in die Röhre schauten. Man musste sich einigen. Es folgte ein Vertrag, der Arena einen Kanal auf dem Premiere-Portal sicherte. Damit sollte eigentlich alles glatt laufen. In Frankfurt (Oder) lief fortan einiges schief. (Selbsterfahrungsbericht Teil 2) |
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