Es besteht noch Hoffnung für uns. Im gesegneten Alter von 84 Jahren landet Regie-Altmeister Sidney Lumet ("Die 12 Geschworenen") einen Volltreffer der Extraklasse. Tödliche Entscheidung heißt der Streifen aus seiner Altersweisheit und den finsteren Tiefen der menschlichen Gier. Lumet präsentiert alles, was ein Gauner-Thriller so bieten kann - rasante Bilder, Dramatik, Tragödie und eine verschachtelte Handlung.
Zwei Brüder Andy (Philip Seymour Hoffman) und Hank (Ethan Hawke) können ungleicher nicht sein. Eines eint sie jedoch: sie brauchen Geld und zwar dringend. Hank ist notorisch klamm und kann den Unterhalt für seine Tochter nicht aufbrinbgen, weswegen ihn seine Ex-Frau bei jeder sich b ietenden Gelgenheit demütigt. Andy will endlich das Geld für einen Neuanfang einer Immobilienfirma in Rio de Janeiro auftreiben. Ihre ständige Konfrontation mit der Realität lassen sie zu Flüchtigen aus der Gegenwart in eine Traumwelt werden.
Dem skrupelloseren von beiden, Andy, fällt die vermeintlich richtige Idee ein. Ein Juwelierladen soll überfallen werden, alles Geld der Woche wird einkassiert nebst der Brillianten und anderen Schmuckelemente. Alles eine sichere Sache, alles ganz einfach. Denn der Laden wird von zwei alten herrschaften geführt, die gelegenltlich von einer Freundin unterstützt werden. Eben nur gelentlich. Denn am Tag des Überfalls ist alle anders. Und noch etwas ist anders: Das Geschäft gehört den Eltern der Brüder. Einfach scheint es zu gehen, keiner kommt zu Schaden, keiner erleidet einen Verlust, alle gewinnen. Nach dem Überfall werden die Ladenbesitzer von der Versicherung entschädigt. Ein todsicheres Ding eben.
Soweit der Plan. Dann geht alles schief, was nie schief gehen sollte. Schäden gibt es in Hülle und Fülle, es fließt Blut, bitteres Blut, denn es fließt familiäres Blut. Eigenes Blut. Die Blutsbrüder Andy und Hank haben mit ihrem kleinen Plan ein Blutbad hervorgezaubert.
Lumet versteht es glänzend, aus dem so simplen Gaunerplan eine hochamüsante wie unterhaltsame Tragödie werden zu lassen. Feingeistige Verweise enthüllen dabei unaufdringlich doch unübersehbar die sozialen Ursachen des persönlichen Scheiterns. Dazu braucht es keine hektischen Schnitte, keinen dröhnenden Musikkrach, keine ausufernden Gewaltsequenzen. Sidney Lumet setzt auf kluge Dialoge, Bilder, die das Geschehen nicht nur einfach spiegeln, sondern mit geschickten Schlüsselmomenten vorantreiben, und – allem voran – exzellenten Schauspielern. Alles kreist um die These, dass die handelnden Männer die Frauen wie auch alten Menschen heillos unterschätzen. So beginnt der Alptraum mit einem gezielten Frauenschuss und endet auch genau damit.
Im Original heißt der Film Before the Devil Knows You’re Dead. Der Titel wurde einer irischen Volksweisheit entlehnt: May you be in heaven half an hour, before the devil knows you’re dead. Dem entsprechend macht Lumet dem Publikum die Hölle mit einem Thriller der Extraklasse heiß – und versetzt es ins Paradies wirklicher Kinokunst.
Mir drängt sich nur ein Vergleich auf - der zu dem Oscar-Streifen der brillianten Brüder Ethan und Joel Coen "Fargo". Ein Ehemann braucht dringend Geld, heuert zwei mittelmäßige Gangster an, die seine Frau entführen sollen, damit der schwerreiche Schwiegervater sein Töchterchen auslöst. Von dem Lösegeld von 80000 US-Dollar sollen die Klein-Ganoven auch etwas abbekommen - streng genommen die Hälfte,
40000 Dollar. Eine Farce. Ein Witz. Ein Witz ohne happyend, aber mit reichlich Pointen und Seitenhieben auf das amerikanische Kleinbürgertum. Einfach großartig. Blutig. Blutiger Schnee, wie der Untertitel ja besagte. Darin und in vielen anderen Dingen sind sich die Coen-Brüder und der betagte, aber herzerfrischend ironische Lumet einig. In der tiefsten Tragödie steckt immer noch reichlich Komik.