Dieser Tage habe ich einen Film gesehen, für den man Kondition braucht. Nicht wie ein Sportler, sondern wie ein Mensch mit Schwächen. Schmetterling und Taucherglocke spielt weder in der Falter- noch handelt er von der Unterwasserwelt. Er handelt von uns, wenn wir in unserem eigenen Körper lebendig begraben sind.
Zugestoßen ist das dem ehemaligen Chefredakteur der französischen Lifestyle-Magazin Elle, Jean-Dominique Baubys. Nach einem Schlaganfall, der er 1995 während einer Autofahrt am Steuer sitzend erleidet und sein Sohn ihn auf dem Beifahrersitz miterleben muss, bleibt er drei Wochen im Koma, erwacht und realisiert, dass er nur noch wahrnehmen kann, selbst aber nach außen zu keiner Mitteilung mehr fähig ist. Er ist eingeschlossen, Mediziner sprechen vom "Locked-In-Syndrom". Nur seinen Kopf kann er leicht bewegen und sein linkes Auge.
Das wird zu seinem Kanal nach draußen. Mit einer Logopädin kommuniziert er zwinkernd: einmal zwinken heißt ja, zweimal heißt nein, dauerzwinkern heißt Moment, nochmal, anders - kurz: Er spricht mit dem letzten verbliebenen Werkzeug, dem linken Augenlid. So fängt er an, über Buchstaben, die ihm die Logopädin diktiert, seine Geschichte zu diktieren. Jean Do, wie ihn die Ärzte nennen und grandios reduziert gespielt von Mathieu Amalric, verfasst auf diese Weise ein Buch - sein Buch aus dem Inneren seiner Gefangenschaft. Er zwinkert über 133 Taschenbuchseiten in zwei Monaten mit der Logopädin zusammen.
Dieses Buch wird zur Vorlage des gleichnamigen Films, der durch den Filmemacher und Künstler Julian Schnabel großartige Momente schafft; auch weil sie einen physisch mitreißen, anpacken, quälen. Wer sieht schon gerne zu, wenn einem das rechte Auge einfach zugenäht wird. Schnabel bringt uns diese Erfahrung so sinnlich nahe, dass man beklemmt und zunehmend zugeschnürt zusieht.
Es ist keine Schande, wenn einem in diesem Film der Drang ergreift, den Kinosaal verlassen zu müssen, weil man es nicht mehr aushält. Es ist keine Schande, wenn man weinen muss. Wir sinken hinab zum Meeresgrund des Lebens; eingeschlossen in einer Taucherglocke und können nur noch träumend als Schmetterling fliehen.